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Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Leben wir in einer Zeit, in der die Angst die Seele(n) auffrisst?

Vor gut 50 Jahren kam der Film von Rainer Werner Fassbinder mit dem Titel „Angst essen Seele auf“ in die Kinos. Es geht um die etwa sechzigjährige Witwen Emmi und den zwanzig Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter Ali. Es geht um Liebe zwischen den beiden. Liebe in einem Deutschland voller Vorurteile und Rassismus. Emmi weint vor Glück über das, was sie mit Ali erfährt. Darauf sagt er Ihr: „Angst nix gut. Angst essen Seele auf!“

Mich interessiert, was Menschen hier und heute Angst macht. Ich will an dieser Stelle nicht darauf eingehen, ob Ängste „berechtigt“ oder „unberechtigt“ sind. Berechtigt ist m.E., erst einmal die Ängste wahrzunehmen. Es geht mir um die Ängste, die in einem größeren Kontext stehen, und nicht um spezifisch individuelle Ängste wie z.B. die Angst vor Spinnen. Es könnte allerdings sein, dass ich etwas aus dem Umgang mit individuellen Ängsten etwas für den Umgang mit Ängsten überhaupt lernen kann. Dazu weiter unten mehr, wenn es um Lösungen geht.

Die Ängste, von denen Menschen berichten, sind recht unterschiedlich. Es ist die Angst vor der Klimakrise und damit um die Zukunft der Menschheit. Angst um die persönliche Sicherheit in unserem Land und die damit verbundene vermeintliche Bedrohung durch Asylsuchende und auf der anderen Seite die Angst vor Abschiebung und Diskriminierung, weil man nicht „deutsch“ ist. Angst vor der politischen Entwicklung im Allgemeinen und die Angst vor einem Rechtsruck bis hin zum Faschismus. Angst vor einem Krieg und dem Ausgeliefertsein an Machthaber wie Trump, Putin und Xi Jinping. Angst vor dem Verlust von Wahrheit und Vertrauen. Die Angst um die persönliche Zukunft als alter oder auch junger Mensch. Vielleicht oder gewiss gibt es noch mehr Ängste, die Menschen hier und heute belasten.

Angst ist berechtigt und wichtig. Die Angst ist ein wichtiges Signal. Aber sie ist nur ein Signal und nicht automatisch mit einer Lösung oder einer Reaktion verbunden. Bei großer Angst kommt es in der Regel zu einem Automatismus der Reaktion. Entwicklungsgeschichtlich stehen mir drei Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung: Die Flucht, der Kampf oder das Totstellen. So funktioniert es in der Tierwelt, so funktioniert es bei uns. Es ist nur differenzierter. Flucht kann Weglaufen bedeuten, aber auch sich aus einem Gespräch zurückziehen. Kampf kann Zuschlagen bedeuten, aber auch die Entgegnung im Gespräch. Totstellen kann Reaktionslos bedeuten, aber auch die innere Emigration.

Die Angst, die nicht krankhaft ist, soll hier betrachtet werden. Die Übergänge zwischen Angst und krankhafter Angst können bisweilen fließend sein. Ich werde hier versuchen einige Ansätze aus der therapeutischen Praxis zu nutzen, wenn die Angst einen Grad erreicht, der nicht mehr hilfreich ist, sondern mein Leben einschränkt. Was ist für mein Leben einschränkend ist, ist recht subjektiv. Wenn meine Lebensfreude schwindet, wenn die Beziehung zu anderen gestört wird, wenn ich krank werde, oder wenn mein Bezug zur Realität gestört wird, hat m.E. die Angst einen Grad erreicht, so dass es ratsam wäre etwas zu tun. Nun folgen meine – vielleicht hilfreichen – Ideen zum Umgang mit meiner Angst.

I Eine besseres Verstehen meiner Angst

Fritz Riemann beschreibt vier „Grundformen der Angst“ (Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975). Dies soll ein Hilfsmittel sein, meine Angst genauer zu erfassen und so mehr Klarheit über meine Angst bzw. Ängste zu erlangen. Ich verzichte hier darauf, die vier Grundformen der Angst vier Persönlichkeiten zuzuordnen, wie Riemann es macht. Wer sich interessiert, möge bei Riemann nachlesen. Die Ängste sind bei jedem Menschen vertreten, nur in unterschiedlicher Ausprägung. Vielleicht verändern sie sich auch über die Lebenszeit.

Die Grundformen der Angst

Angst vor der Hingabe: Diese Angst bezieht sich auf die Furcht vor dem Verlust der eigenen Identität und Autonomie durch zu enge Bindungen oder Verschmelzung mit anderen. Menschen mit dieser Angst neigen dazu, Distanz zu halten und sich emotional zurückzuziehen.

Angst vor der Selbstwerdung: Hier geht es um die Angst vor Isolation und Verlassenwerden, wenn man sich zu sehr auf sich selbst konzentriert oder abgrenzt. Betroffene haben oft ein starkes Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit, um diese Angst zu kompensieren.

Angst vor der Veränderung: Diese Angst bezieht sich auf die Furcht vor Kontrollverlust und Chaos durch Veränderungen. Menschen mit dieser Angst streben nach Sicherheit, Ordnung und Kontrolle, um Unsicherheiten zu vermeiden.

Angst vor der Notwendigkeit: Diese Angst betrifft die Furcht vor Einengung und Festlegung durch Regeln, Pflichten oder Verantwortung. Betroffene neigen dazu, sich frei und ungebunden zu fühlen und können sich schwer auf langfristige Bindungen oder Verpflichtungen einlassen.

In einem Quadrat würden sich die Angst vor Hingabe und die Angst vor Selbstwerdung gegenüber liegen und ebenso die Angst vor Veränderung und die Angst vor der Notwendigkeit. Riemann fasst die Grundformen der Angst so zusammen:

„Hinter den vier Grundformen der Angst stehen allgemein-menschliche Probleme, mit denen wir alle uns auseinandersetzen müssen. Jedem von uns begegnet die Angst vor der Hingabe in einer ihrer verschiedenen Formen, die als Gemeinsames das Gefühl der Bedrohtheit unserer Existenz, unseres persönlichen Lebensraumes, oder der Integrität unserer Persönlichkeit haben. Denn jedes vertrauende sich Öffnen, jede Zuneigung und Liebe, kann uns gefährden, weil wir dann ungeschützter und verwundbarer sind, etwas von uns selbst aufgeben müssen, uns einem anderen ein Stück ausliefern. Daher ist alle Angst vor der Hingabe verbunden mit der Angst vor einem möglichen Ich-Verlust.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Ich-Werdung, vor der Individuation, die den verschiedenen Formen ihres Auftretens als Gemeinsames die Angst vor der Einsamkeit hat. Denn jede Individuation bedeutet ein sich Herausheben aus bergenden Gemeinsamkeiten. Je mehr wir wir selbst werden, umso einsamer werden wir, weil wir dann immer mehr die Isoliertheit des Individuums erfahren.

Jedem begegnet auch die Angst vor der Vergänglichkeit auf seine Weise; unvermeidlich erleben wir immer wieder, daß etwas zu Ende geht, aufhört, plötzlich nicht mehr da ist. Je fester wir etwas halten, beibehalten wollen, umso mehr erliegen wir dieser Angst, deren verschiedene Formen als Gemeinsames die Angst vor der Wandlung erkennen lassen.

Und jeder begegnet schließlich auch der Angst vor der Notwendigkeit, vor der Härte und Strenge des Endgültigen, bei deren verschiedenen Ausformungen das Gemeinsame die Angst vor dem unausweichlichen Festgelegtwerden ist. Je mehr wir eine unverbindliche Freiheit und Willkür anstreben, desto mehr müssen wir die Konsequenz und die Grenzen der Realität fürchten.“ (Fritz Riemann, Grundformen der Angst. 1975, Seite 200.)

Wenn ich nun versuche, meine konkrete Angst einer (oder mehrerer) der Grundformen der Angst zuzuordnen erlange ich möglicher mehr Klarheit über meine Angst und was mir an dem Konkreten Angst macht. Ist es meine Angst vor Hingabe oder Selbstwerdung. Oder ist es meine Angst Veränderung oder Notwendigkeit (Dauer, Beständigkeit). Welche meiner Ängste wird „an getriggert“?

 

II Realitätscheck

Meine Angst und das was mir Angst macht sind nicht dasselbe. Das erstere ist mein Gefühl und das zweite eine „Tatsache“, etwas, das mir Angst macht. Im Realitätscheck überprüfe die die Tatsachengrundlage. Stimmt meine Beschreibung? Ist sie (ggf. wissenschaftlich) belegbar oder ist es eher eine Meinung? Das Internet bietet eine viele Möglichkeiten Tatsachenbehauptungen zu überprüfen? Wird meine Tatsache von den meisten auch so gesehen oder ist es eher eine Außenseitermeinung? Auf einer Skala von 1 bis 10 wie groß ist die Gefährdung? Wie nahe? Wie häufig kommt sie vor? Folge ich ausschließlich meinem Gefühl von Angst oder nehme ich meinen Verstand als prüfende Instanz hinzu? Was würde jemand anderes dazu sagen? Was würde jemand sagen, der es ganz anders sieht? Welche Sichtweisen gibt es oder könnte es geben? Alle Sichtweisen sind hilfreich, denn sie erweitern meine Möglichkeiten.

 

III Handlungsfähigkeit zurückgewinnen

Der Verlust der (vermeintliche) Handlungsfähigkeit verstärkt in der Regel die Angst. Wenn ich es schaffe, aktiv zu werden, durchbreche ich diese Verstärkung. Handlungsfähig werde ich, wenn ich etwas tue, auch wenn es mir winzig erscheint. So gelange ich aus einer möglich Lähmung. Wenn der erste Schritt getan ist, ist der nächste Schritt vielleicht leichter. Die Angst verliert ihre Macht, weil ich ihr etwas entgegen setzen kann.

Handlungsfähig werde ich auch, wenn sich die Handlungsfähigkeit auf mein Reden und/oder Denken bezieht. Wenn ich es schaffe, gegen die Festlegungen im Denken andere Gedanken zu fassen, werde ich beweglich und kann eine neue Sprache für mich finden. So durchbreche ich die Lähmung und mein Gefühl von Angst wird relativiert. Ich bin Herr über meine Angst und die Angst ist nicht Herr über mich.

 

VI Positive Seiten des Lebens

Außer in Extremsituationen gibt es in meinem Leben immer mehr als nur die Angst. Das kann ich ganz konkret überprüfen. Ich mache mir eine Liste mit den Gefühlen, die ich heute (oder gestern) gehabt habe, dann skaliere ich diese Gefühle von 1 bis 10 wie stark sie waren, wie stark sie mein Leben oder meinen Tag bestimmen. Welches Gefühl möchte ich verstärken? Welches Gefühl stellt einen Kontrapunkt oder einen Ausgleich zur Angst dar? Gib es außer meinen Gefühlen etwas oder jemand auf der positiven Seite meines Lebens? Wenn ich mir das Positive aufschreibe oder aufmale, was passiert dann bei mir oder in mir, wenn ich mir das ansehe? Kann ich etwas tuen (Sport, Kreativsein, Musikmachen oder –hören …), um in eine positive Stimmung zu kommen? Gibt es Menschen, deren Anwesenheit oder Nähe sich positiv auf mich auswirken? Warum nicht, sich mal treffen oder verabreden?

 

V Die Zukunft zurückgewinnen

Wenn mir die Zukunft Angst macht, wie kann ich darauf einwirken? Es ist vielleicht die Angst, dass die (schlechte) Zukunft schon festgeschrieben ist oder von anderen bestimmt wird und nicht von mir. Handeln kann ich nur im Heute. Und heute habe ich die Möglichkeit, das Morgen mitzubestimmen. Das ist eine Frage der Haltung, die ich gegenüber der Zukunft einnehme.

Dazu der „Schmetterlingseffekt“: Ein Schmetterling flattert in einem fernen Land und schlägt mit seinen Flügeln. Dieser winzige Luftzug verändert kaum wahrnehmbar die Luftströmungen in seiner Umgebung. Diese kleine Veränderung breitet sich aus und beeinflusst wiederum größere Wetterphänomene. Über Tage, Wochen und Monate hinweg verstärkt sich dieser Effekt, bis schließlich ein gewaltiger Orkan auf der anderen Seite der Welt entsteht.

Oder aus dem babylonischen Talmud: „Wer ein einziges Leben rettet, hat damit eine ganze Welt gerettet.“ (Traktat Sanhedrin 4:5 (37a)) Es soll letztlich heißen, dass jeder seine Möglichkeiten ernst nehmen soll und eben nicht geringschätzen.

Zurückgewinnen der Zukunft bedeutet auch, dass ich gegen die Zukunftserzählungen anderer meine eigene Erzählung von der Zukunft der Menschheit setze. Es könnte auch ganz anders sein.

 

VI Meditation

Die Angst wird weniger, wenn ich es schaffe zu meditieren. Dabei ist es egal, welche Meditationsform ich wähle. Ob es der Weg der Stille ist, oder das Gehen (z.B. Mindful Holistic Walking), oder einen sakralen Raum besuchen, oder die Natur bewusst wahrnehmen, oder Achtsamkeit üben oder auf meinen Atem achten. Nur ein paar Formen.

Die Meditation führt dazu, dass ich mich entweder neu fokussiere, oder dass ich mich weite. Die Angst wird so auf ihr (gutes) Maß reduziert.

 

VII Religiosität bzw. Spiritualität

Wenn ich ein religiöser Mensch bin, habe ich eine gute Ressource gegen die Angst. Mit „religiösem Menschen“ meine ich, dass ich einen inneren Zugang habe zu Gott oder einer höheren Macht. Das heißt nicht, dass ich zwangsläufig an eine Religionsgemeinschaft gebunden bin. Religiöse Gefühle zu haben oder religiös zu denken, ist unabhängig von eine Glaubensgemeinschaft. In diesem Sinne weitet Religiosität oder Spiritualität den Blick auf etwas Größeres als meine „kleine“ Welt.

Wenn ich zu einer Glaubensgemeinschaft gehöre, erfahre ich Stärkung in der Gemeinschaft gegen meine Angst oder Ängste.

VIII Wenn alles nicht hilft

Wenn alles nicht hilft, können sie mich aufsuchen. Wir reden und mit meinen professionellen und bewährten systemischen Methoden kann ich ihnen in meiner Praxis helfen, wenn die Angst zu groß wird oder sie denken, dass sie für sie nichtmehr händelbar ist.

©️ Willi Oberheiden 2024

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